art-lab

Kolumbianisch-deutsche Kulturbrücke: "Narratives & Radicalisation"

bridgeworks e.V. und Circuito Liquen realisieren 2022 ein ganzes Jahr der kolumbianisch-deutschen Kulturbrücke. Gemeinsam sind wir in einem Prozess der Umsetzung verschiedener Netzwerk- und Dialogformate sowie mehrerer künstlerischer Koproduktionen zum Thema "Narratives & Radicalisation". Die Auseinandersetzung mit der Thematik, wissenschaftlichen Expertenwissen, der eigenen Identität, Kultur und Herkunft wird durch die fremden Kulturen als kritische Gegenüber angestoßen und durch bridgeworks moderiert. So eröffnet sich ein spannendes künstlerisches Forschungs- und Debattenfeld, ein Ausgangspunkt für gemeinsame künstlerische Prozesse und Projekte.

art-lab 2022 (Teil 1)
in Bogotá, Kolumbien 

Im April 2022 fand der erste von zwei Begegnungsbesuchen in Bogotá, Kolumbien, statt. Dort trafen sich internationale Künstler:innen und Expert:innen aus unserem Netzwerk zu einem zweiwöchigen Austausch voller Inputs, Begegnungen und Erfahrungen. Wir blicken zurück auf viele spannende Tage, in denen wir gemeinsam gearbeitet, gedacht, gelacht, experimentiert und uns (gegenseitig) bewegt haben.  

Nun, im August, treffen wir uns in Berlin wieder – mit bekannten und auch neuen Gesichtern. An einigen Projekten wurde in der Zwischenzeit bereits (virtuell) gearbeitet und wir sind sehr gespannt und voller Vorfreude!

Trailer & Impressionen

Jahresthema 2022:
"Narratives & Radicalisation" 

Der Radikalisierungs-Begriff hat in den vergangenen Jahren, vornehmlich aufgrund von religiösem Terrorismus, eine gesamtgesellschaftliche Inflation erfahren. Dennoch ist die Zuschreibung auf viele aktuelle Inhalte und Entwicklungen, quer durch alle gesellschaftlichen Milieus, zutreffend. Radikalisierungsprozessen liegt immer eine vereinfachte und einseitige Deutung des Weltgeschehens zugrunde – eine Erzählung. Rationalität und wissenschaftliche Fakten werden durch Emotionen und Scheinwahrheiten verklärt und im eigenen Interesse umgedeutet, Sachverhalte im Bedarfsfall durch alternative Fakten, durch Fakes oder schlicht Lügen zurechtgerückt. Diesen Prozessen mit Argumenten und dem vermeintlich „gesunden Menschenverstand“ zu entgegnen, scheitert fortwährend.

Es gilt also, die Narrative und deren Wirkmacht zu verstehen, um einer Polarisierung der Gesellschaft(en) entgegenzutreten. Eine Auseinandersetzung mit diesen Prozessen ist also immer auch eine Auseinandersetzung mit einem multiperspektivischen und konsensorientierten Demokratieverständnisses und legitimiert dadurch die Relevanz einer profunden Beschäftigung mit dem Themenkomplex:

Wo liegen die gesellschaftlichen Wurzeln für Polarisierung und Radikalisierungsprozesse? Gibt es psychologische Zusammenhänge, losgelöst von den jeweiligen kulturellen Kontexten? Wie mit isolierten Extremisten/Fundamentalisten diskutieren? Wie können wir vermeiden, dass ganze Gesellschaftsschichten sich abspalten? Wie können wir demokratische Prozesse der Konsensfindung erfahrbar machen?

Es wäre vermessen zu behaupten, dass künstlerische Forschung, Diskussion und Aktionen die Antworten auf diese Fragen hervorbringen. Dennoch eröffnen sie einen “anderen” Diskussions- und Begegnungsraum, der einen gesellschaftlichen Aussöhnungsprozess verstärken kann. Die Künste und ein offener Dialog könnten somit effiziente Instrumente sein, da sie Publikum und Akteur:innen auf persönlicher und emotionalisierender Ebene abholen und einen gesellschaftlichen Experimentierraum eröffnen. Wir können unmenschlichen Narrativen nur mit einer humanistischen Erzählung begegnen und der Spaltung der Gesellschaft nur mit partizipativer Auseinandersetzung entgegenwirken.

Unabhängig von religiösen, nationalen, rechten/linken oder verschwörungstheoretischen Beweggründen, bleiben Radikalisierungsprozesse ein globales und gesamtgesellschaftliches Problemfeld, das es immer wieder auf Grundlage aktueller Entwicklungen zu untersuchen gilt.

Mit "Narratives & Radicalisation" stellen wir uns einem hochpolitischen, aktuell relevantem Themenfeld und dies im internationalen Dialog und unter Berücksichtigung künstlerischer Ansätze. Das Projekt arbeitet dabei nicht nur an gesellschaftlichen oder vermeintlich großen Fragestellungen, sondern schlägt vor allem Brücken zu biographischen und persönlichen Geschichten.

Wir stellen mit dem Thema die Verbindung zwischen Menschen, Künsten, Diskursen, Demokratieverständnissen und Deutungszusammenhängen dar und kreieren dadurch einen Ort der Begegnung.