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Type beyond borders – Ich sehe was, was du nicht siehst

Ist ein Kennenlernen möglich, ohne das Gegenüber in die sprichwörtliche Schublade zu stecken? Stereotype und Vorurteile sind ja eher die leidliche Regel, als der Einzelfall. Denn der Mensch, ob er will oder nicht, teilt seine Welt in Kategorien ein – sei es aus ökonomischen Gründen, Faulheit oder Angst. Eine unvoreingenommene Annäherung ist also gar nicht so einfach – gäbe es da nicht diesen anonymen Begegnungsort, an dem weder Geschlecht, Alter, Aussehen, sozialer Status oder religiöse Zugehörigkeit eine Rolle spielt: das Internet.

Zwei Autor*innen, die nichts voneinander wissen, werden diesen digitalen Raum nutzen, um sich offen und wertfrei kennenzulernen. Aus ihren Fenster schauend, beschreiben sie sich gegenseitig was sie sehen und nehmen Alltagsszenen, Orte oder Gewohnheiten für die andere Person unter die Lupe. Am selben Tag, zur gleichen Stunde, an weit entfernten Orten, beginnen sie diesen digitalen Briefwechsel und werden sich für einen Monat ihren Blick auf die Welt leihen.

16. Oktober 2020 (4.Teil)

Hallo, du da

 

Ich sehe was, was du nichts siehst.

Ich liege unter deinem Bett.

Es ist mir zu eng. Zu dunkel. Zu duster.

Ich frage mich warum. Wie bin ich hier gelandet?

Ich sehe, wie du mit Hassan den Buchstaben B übst. B wie Bab.

Ich wiederhole es.

Ich ergänze B wie Brücke.

B wie Baba.

Du sagst: psst und es wird mir kalt.

Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie ich unter dem Bett herauskrieche. Wie ich mich neben Hassan und dich setze. Wie Hassen mir beibringt, was das Wort Bab in eurer Sprache heißt und was das Wort Brücke bedeutet, dort wo ich lebe. Und was das Wort Baba in meiner Muttersprache heißt. Hassan freut sich über die Brücken und zeigt mit großen Stolz auf dich und sagt Baba. Du lachst. Hassan lacht. Ich lache. Wir lachen. Die Stimme von neben an hört unser Lachen und kommt rein und lacht mit. Auch Atef lacht mit. Später sitzen wir alle zusammen bei euch am Esstisch. Wir frühstücken gemeinsam oder vielleicht ist es schon Mittagessen oder von mir aus Abendessen. Hauptsache wir sitzen alle an einem Tisch und wir finden es schön. Denn wir haben es schön. Ja, so schön stelle ich es mir vor, während ich mit geschlossenen Augen unter deinem Bett liege und mich noch mal fragen muss:

Wie bin ich hier gelandet?

Was wenn Hassan mich hier unten entdeckt und denkt ich wäre ein Monster?

Denn als Kind war ich mir ziemlich sicher, dass große, gemeine Monster unter dem Bett leben.

Ich hatte Angst.

Ich habe Angst.

Ich habe Angst, dass ich dir unrecht tue oder dass ich mir selbst untreu wäre.

 

Kann sein, dass wir uns in der Übersetzung verlieren?

Ich freue mich auf deinen nächsten Brief.

 

Liebe Grüße,

M

Er hat ein Gesicht rund wie der Mond und seine Haut hat die Farbe eines gepflügten Ackers. In seinen Haaren wohnt die Nacht. Seine Stirn ist breit und auf ihr sind zwei Linien, die seine Gefühle übersetzen. Wenn er wütend ist, treten die beiden Linien hervor und wachsen an zu einem hohen Berg. Flachen sie wieder ab zu einer Ebene, fliegen zwitschernd die Vögel über sie hin. Seine Augenbrauen sind den Schwingen eines Adlers gleich; ist er wütend, treffen sie sich, lächelt er, so tanzen sie. Ich kenne ihn einzig wütend oder lächelnd, als ob sich seine Gefühle auf Wut und Freude beschränkten. Weshalb nur?!!

In seinen Augen liegt ein schwarzes Meer, von dem sich jede Welle seiner Gedanken ablesen lässt. Blitzt sein linkes Auge auf, so hörst du, was sein Herz bewegt. Seine Wangen sind wie Hügel. Auf seine linke Wange ist ein dunkelschwarzer Fleck gezeichnet ­– wie ein Rabe hoch am Himmel. Ich habe diesen Raben von ihm geerbt, bei mir jedoch hockt er auf der Brust. Sein Schnurrbart ist wie ein Wald mit Bäumen von seltsamer Farbe und Form, doch strenger Ordnung. In der Mitte dieses Waldes sitzt sein Mund wie ein Fluss, der breit wird beim Lachen. Die Ufer des Flusses aber sind trocken, geprägt von Wassermangel und einem Überfluss an Rauch … es ist mein Vater.

Jeden Morgen tranken wir zusammen Kaffee und ich studierte die Details seines Gesichts. Ich habe sie auswendig gelernt und absichtlich einstudiert. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass ich mich eines Tages verlaufen und den Weg zurück zu ihm nicht mehr finden würde. Ich habe mir seine Gesichtszüge eingeprägt, um sie – wenn die Polizei mich danach fragte – beschreiben und dem Phantombildzeichner darlegen zu können. Damit sie sein Bild veröffentlichen konnten. Weshalb nur veröffentlicht man das Bild der verlorenen Person und nicht das Bild seines Vaters?! Ich weiß es nicht. Diese Gedanken jedoch gingen mir damals durch den Kopf. Ich wusste noch nicht, dass ich mir seine Gesichtszüge einprägte, weil ich Angst davor hatte, sie zu verlieren.

Seit Anfang des Jahres schaue ich morgens nicht mehr in sein Gesicht und wir trinken keinen Kaffee mehr zusammen.

Es geht ihm gut, doch er ist weitergezogen an einen anderen Ort.

13. Oktober 2020 (3.Teil)

Hallo du da,

danke, dass du mich in deine Welt mitnimmst. Ich weiß allerdings nicht, ob ich mich dort zurechtfinden würde. In meiner Welt wache ich jeden Morgen auf und denke, warum überhaupt? Muss das jetzt sein? Ich meine, so früh? Ich lege mir in der Regel keine Termine vor 10:00 Uhr und habe auch keine anderen Verpflichtungen. Trotzdem wache ich jeden Tag um halb sieben auf. Ich vermeide es, mich morgens im Spiegel anzuschauen, weil ich mich jedes Mal darüber erschrecke, dass ich doch ein Mensch bin und keine Ameise – Ein Mensch mit seinen unendlichen Möglichkeiten des Daseins. Das sind mir viel zu viele Informationen am früheren Morgen. Davor muss ich mindestens eine große Tasse Kaffee getrunken haben, um das verarbeiten zu können.

Manchmal glaube ich, dass ich in meinem früheren Leben als Ameise unterwegs gewesen bin. Jetzt nicht gleich als Ameisenkönigin. Nein. Sondern als eine aus der Arbeiterklasse. Es ist auch gut so. Denn das einzig aufregende im Leben einer Ameisenkönigin ist der sogenannte Hochzeitsflug. Ansonsten liegt sie faul in ihrem königlichen Gemach herum und hat nichts anderes zu tun, als zu gebären. Auf sowas verzichte ich lieber.

Zurzeit arbeite ich mit zwei anderen Autoren an einem Theaterstück. Es handelt von Gesetzten und Gerechtigkeit und ich habe es trotzdem geschafft, dass die Figur der Richterin ständig über Ameisen redet. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich eine geheime Leidenschaft für Ameisen hege oder eine eine Wissenschaft daraus mache. Nein. Ich finde sie einfach bemerkenswert. Ich meine, eine Ameise hat auch nur ein Leben und doch geht es nie um ihre Bedürfnisse allein. Ameisen tragen mehr als das Hundertfache ihres Gewichts, stehen mit ihren sechs Beinen fest auf der Erde und sind niemanden etwas schuldig.

Ach, ich verstehe nicht, warum ich hier wieder über Ameisen schreibe. Ich brauche gleich noch eine große Tasse Kaffee.

Nachdem mich deine Email am Morgen erreichte, schloss ich die Augen, lachte und stellte mir vor, wie eine Stimme mich durchs Fenster ruft. Eine Stimme, die weder der Stimme des Apfelverkäufers Abu Sâmih, noch einem meiner Freunde gleicht. Ich stelle mir vor, dass es deine Stimme ist. Ja, deine.

Rasch überprüfte ich alle meine Fenster. Stehen noch irgendwo Gläser rum? Sind die Regale im Badezimmer sauber und ordentlich? Liegen vielleicht noch Teller auf meinem Bett? Ist das Kissen auch ja am richtigen Platz? Weil ich doch weiß, dass du Unordnung nicht magst?! Rasch gehe ich zurück zum Fenster. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder – und sehe eine Gruppe von Menschen um dich herum. Sie schauen dich an, wie man eine sehr fremde Person anschaut. Du bist von dort und sie sind von hier. Abu Sâmih, der Apfelverkäufer, sagt: »Geht weg, weg da. Das ist ein Gast vom Besitzer dieser Fenster hier!« Ich erkannte das Problem, ging zum Kleiderschrank und zog ein rotes und ein schwarzes Tuch heraus, um dich ins Haus zu schmuggeln. Ich dachte daran, dass ich nicht allein dort wohne und ich fragte mich, wo ich diese fremde Person wohl verstecken könnte? Auf jeden Fall stellte ich mir eine schöne und eigensinnige Person vor, jawohl, eigensinnig, denn es gelang mir, dich davon zu überzeugen, dass du dich unter meinem Bett versteckst. Von dort aus hast du beobachtet, was ich mit dem Rest meines Tages sonst noch so anstelle. Und wurdest Zeuge eines neuen Festes, jawohl, einer Unterrichtsfeier mit Hassan und dem Buchstaben B wie in Batta (Ente), und er wiederholt es, und B wie in Bâb (Tor), und auch das wiederholt er. Ich steckte den Kopf unters Bett und hörte, wie du ebenfalls wie Hassan B wie in Batta (Ente) wiederholst. Ich sagte dir, dass du leiser sein sollst, damit Hassan es nicht hört und allen erzählt. Da rief mich mit einem Mal eine Stimme von weit her: »Du solltest dich beeilen. Du musst Atef noch unterrichten und ein Bild davon machen, damit du es seinem Lehrer via WhatsApp schicken kannst.« Ich steckte den Kopf unter mein Bett, schaute dir ins rechte Auge und sagte mit leiser Stimme: »Das ist eine Stimme, die du nicht kennst?« Dann antworte ich  laut: »Zu Befehl!« Ich kehrte zurück zu deinem rechten Auge, lächelte und bat dich, leise zu sein, so war es doch, nicht? Hassan ging. Ich holte dich unter dem Bett hervor, stellte dich in den Kleiderschrank zwischen meine Hosen, setzte mich neben dich und sagte leise: »Das Beste an dem ganzen Social Distancing ist, dass die Dauerbeschallung aus der Schule aufgehört hat. Ständig ein einziges Geschrei. Die Schule ist direkt neben uns. Ich kann sie durch mein Fenster nicht sehen, doch von morgens bis abends nervt mich der Lärm. Er zwingt mich, im Haus zu bleiben.

Die Zeit verging und die Berührung einer Hand weckte mich auf. »Mit wem redest du da, Papa?« Es ist Hassan, der uns stört. Er will im Supermarkt Süßes kaufen. Ich muss mich jetzt leider entschuldigen. Ich bin froh, dass du ein Teil meines Tages geworden bist. Wie gerne hätte ich dich anders empfangen! Aber du bist einfach so hereingeplatzt. Fürs nächste Mal, teil mir vorher mit, dass du dich zu mir unters Fenster stellst!

8. Oktober 2020 (2.Teil)

Hallo du da,
Heute Morgen kam dein Brief. Ich nahm ihn mit auf den Balkon, wo ich meine Straße und deine Straße gleichzeitig hörte. Ich musste daran denken, dass vor deinem Haus das Leben stattfindet, während vor meiner Wohnung das Leben vorbeigeht.

Hier, wo ich bin, bleibt niemand stehen. Hier sind die Menschen gerne unterwegs.

Genau unter meinem Balkon ist eine Bushaltestelle. Die Leute warten, steigen ein und aus und gehen ihrer Wege. Niemand schaut nach oben. Kein Mensch ruft nach mir. Doch ruhig ist es nicht. Dank der roten Ampel und der vielen Autos. Im Park gegenüber zwitschern die Vögel. Sie sind auch laut, aber sie kommen gegen den Lärm der Straße nicht an.

Ich gehe rein und setzte mich an meinen Schreibtisch, der inzwischen schon aufgeräumt ist. In der Wohnung ist es aber auch nicht weniger laut. Irgendwo muss es eine Schule geben. Ich weiß aber nicht wo genau, denn ich sehe sie aus dem Fenster nicht, ich höre sie nur. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in dieser Schule kein Unterricht stattfindet, sondern der Schultag nur aus einer Art Dauerpause besteht, in dem die Kinder nicht anderes machen als zu schreien. Naja, schreiende Kinder kann die Welt gut gebrauchen. Ich aber gerade nicht. Ich mache das Fenster im Wohnzimmer zu und auch die Tür meines Zimmers und setzte mich wieder an den Schreibtisch. Ich darf das Wasser in der Küche nicht vergessen, das ich gerade zum kochen aufgesetzt habe.

Ich erinnere mich auf einmal an meinen Traum von gestern Nacht.
Ich war irgendwo, in einem fremden Haus, das anscheinend mir gehörte.

Ich erinnere mich aber nur an die Mauern des Hauses mit roten Ziegelsteinen und einer eisernen Eingangstür, die offensichtlich kaputt ist. Ich weiß noch, wie ich mir vornahm, meinem Vater darum zu bitten, sie für mich zu reparieren. Das ist merkwürdig, weil ich mich schon als Kind kaum traute mit meinen Problemen zu ihm zu rennen. Ich habe immer selbst versucht mit der Welt klarzukommen. Doch auf einmal wird mir in meinem Traum bewusst, dass er diese Tür nicht reparieren kann. Nicht mehr.
Verdammt, ich habe das Wasser in der Küche vergessen. Jetzt ist es bestimmt wieder kalt.

Egal. Ich muss jetzt sowieso raus. Am liebsten würde ich zu deinem Fenster laufen. Einen roten Apfel von Abu Samâh kaufen und zu dir hinauf rufen.

Zu dieser Tageszeit erstelle ich eigentlich immer eine Einkaufsliste, die mir irgendwie nett erscheint, weil auch Spielzeuge für meine Kinder darauf stehen. Ich wünschte, ich könnte selbst wieder ein Kind sein und mit ihnen spielen. Vor lauter Freude würden wir uns selbst vergessen. Ich arbeite daran, in naher Zukunft eine eigene Eisenbahnlinie und einen Zug zu bauen, um mit meiner Familie die weiten Strecken zwischen den Städten bummelnd zu überwinden. Ein Traum. Bloß der einfache Traum einer Person, die von einem einfachen Leben träumt.
Das ist nicht wahr. So sehen meine einfachen Träume nur an Tagen wie diesem aus. Tage, wo die Routine tödlich wird. Die trotz aller langweiligen Wiederholungen voller Lärm sind. Und doch betrachte ich jeden einzelnen Tag meines Lebens als ein großes Fest. Weil es eine Anstrengung bedeutet, ihn einzuleiten, ihn zu empfangen und willkommen zu heißen mit seinem ganzen Chaos, seinen Genüssen und seinen anspruchsvollen Seiten, bis du endlich auf deiner Matratze ankommst und einschläfst. – Ich erwache um acht Uhr morgens, weil mir Hassan mit der Hand ins Gesicht schlägt. Hassan ist das Wesen hier im Haus, das seit ungefähr vier Jahren zu meinem Fest dazugehört. Ich liebe den Kerl, trotzdem nervt er manchmal. Zurück zum Schlag. Er will mir damit sagen, dass draußen ein Mann auf mich wartet. Ich schaue ihn an, meine Augen sind voller Schlaf und ich sage, dass er mir erst einen guten Morgen wünschen soll. Er schaut mich voller Verwunderung an, weil er mit meiner Idee nichts anfangen kann. Ich erhebe mich und will ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen, doch Hassan packt mich bei der Hand: »Los jetzt, der Elektriker ist in Eile!«. Ich gehe ungewaschen raus. Nach getaner Arbeit will ich mich noch ein bisschen hinlegen, immerhin ist es noch früh. Da teilt mir mit einem Mal eine Stimme mit: »Zum Glück bist du aufgestanden, los, geh mal ins Bad. Du musst den Wasserhahn reparieren. Er ist leck und flutet alles.« Im Bad beginnt sogleich ein harter Kampf zwischen mir und dem Wasserhahn, der zwei Stunden dauert. Ihm fallen zum Opfer: ein Regal aus Glas, Toilettenpapier, sowie Atef. Atef ist noch so ein kleiner Kerl, drei Jahre älter als Hassan. Er kam rein mit seinem Spielzeug und wollte mir helfen. Jetzt ist seine Kleidung durchnässt und er sieht aus wie ein begossenes Küken. An dieser Stelle kommt mir in den Sinn, dass ich immer noch nicht mein Gesicht gewaschen habe und starte eine spontane Bade-Party. Doch dann kommt von weit her wieder diese Stimme: »Man sollte endlich eine Lösung fürs Ameisenproblem im Haus finden!«
Das ist der Beginn eines neuen Festes, bis ich ungeschickt zu Boden falle und im Augenwinkel eine Ameise sehe, die an mir vorbei spaziert.

Das ist nur die Hälfte meines Tages in Zeiten von Social Distancing. Was wäre nur, wenn ich alles aufschreiben würde?

 

6. Oktober 2020 (1. Teil)

Hallo, ich bin hier. Du aber nicht. Du bist nicht hier. Hier bin nur ich. Du bist da. Wo du bist ist nicht hier. Für dich bin ich aber auch nicht hier. Für dich bin ich da. Für dich bist du hier. Aber nur für dich. Nur für dich kannst du hier sein. Für mich bleibst du aber weiterhin da. Da bin ich aber nicht. Ich bin hier und es wäre besser, dass ich mir weniger Gedanken über da mache, sondern mich auf hier konzentriere. hier, wo ich bin, ist es laut. Mittlerweile dunkel. Inzwischen ein bisschen kalt. Ich bin nicht zu Hause.

Zuhause herrscht großes Chaos. Mein eigenes Chaos. Ich bin aber kein chaotischer Mensch. Ich meine, ich trage das Chaos in mir, deswegen brauche ich um mich herum Ordnung. Das habe ich immer gebraucht, und da ich vieles in meinem Leben und meiner Welt nicht in Ordnung bringen konnte, habe ich mich am Ende damit zufrieden gegeben, wenigstens in meiner Wohnung dafür zu sorgen, dass alles seinen Platz hat. Selbst die Regale in meinem Badezimmer sind durchdacht und ich dulde keinen Staub. Ich lege großen Wert darauf, wie die Kissen auf dem Sofa zu liegen haben und mir ist es wichtig, in der Küche kein schmutziges Geschirr liegen zu lassen. Wenn ich koche, was ich allerdings selten tue, soll meine Küche nach dem Kochen gleich so sauber sein, wie vor dem Kochen. In meiner Wohnung hat jedes kleine Ding seinen Platz. Sein Zuhause. Sie können sich in meiner Wohnung bewegen. Die Gläser können sich zum Beispiel zu einem Ausflug auf dem Balkon versammeln. Oder der Teller kann mal mit ins Bett kommen. Am Ende des Tages aber, müssen sie alle wieder in ihr eigenes Zuhause. Selbst der Schlüsselbund hat eine kleine Ecke für sich. Er darf nicht in der Tür stecken bleiben, was er allerdings gerne tut. Ich verliere ständig Dinge unterwegs, aber in meiner Wohnung, muss ich nicht mal nach eine Socke suchen. Denn ich weiß, wo sie zu finden ist. Ich glaube, das tut nicht nur mir gut, sondern auch der Socke.

Habe ich dir schon erzählt, dass ich ständig mit Dingen um mich herum rede. Nein, wann denn auch? Wir kennen uns doch nicht. Und selbst wenn, das wäre mit Sicherheit nichts, das ich dir über mich gleich verrate. Schließlich will ich ja nicht, dass du mich für verrückt hältst.

Egal, was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich gerade nicht bei mir in der Wohnung bin. Weil ich gerade von einer langen Reise zurückgekommen bin und es noch nicht geschafft habe, mich wieder einzurichten. Ich sitze gerade in meiner Lieblingsbar, bei mir um die Ecke. Das Lokal hat drei Räume und zurzeit nicht viele Besucher. Ich schaue nur auf leere Stühle und Sessel. Sie machen aber auch nicht gerade den Eindruck, als wären sie gerne besetzt. Es sind halt andere Zeiten. Und ich glaube, ich muss dir jetzt nicht sagen, was für Zeiten. Denn wo du bist, ist es bestimmt auch nicht anderes. Ich muss aber gestehen, dass ich die Zeit, in der dieser Raum voll war mit Menschen, vor der sozialen Distanz, vor der Maske im Gesicht überhaupt nicht vermisse. Das einzige, was ich an der Zeit vor Corona vermisse, ist mein Vater.

Draußen regnet es.

Sorry, ich glaube, ich muss jetzt nach Hause. Ich muss anfangen die Wohnung in Ordnung zu bringen.

Ich freue mich auf dein Schreiben, dein hier. Ich freue mich auf dich. Danke, dass es dich gibt. Danke, dass du das ganze Chaos in meinem Kopf ausgehalten hast. Ich wünsche dir einen guten Abend und einen ruhigen Schlaf. Bis dann.

»Schnell, bring den zweiten Eimer fürs Wasser, hau den Nagel gut und fest rein, ein Teller Rührei, zieh ihn näher zu dir ran, Muhammad hol deine Brüder und komm rein, hallo, bist du schon weg? In einer halben Stunde beginnt die Sperrstunde, wo bist du nur?«

Alles Stimmen, die zum Fenster zu mir reinkommen, und einzig die Stimme von Umm Kalthum in der Ferne sowie der Geruch des Meeres vermögen dieses Chaos aus meinem Kopf zu vertreiben.

Gewöhnlich stelle ich mich nicht ans Fenster. Nur wenn ich meinen Freunden Antwort gebe, weil sie unten am Fenster stehen und nach mir rufen, damit wir gemeinsam ans Meer gehen. Heute stand ich da, ohne dass jemand nach mir rief. Wegen Corona gehen wir nicht ans Meer. Ich sah, wie Abu Samâh, der Apfelverkäufer, seinen Karren unter meinem Fenster abstellte und mit seiner Arbeit begann. Ich rief ihm zu: »He, Abu Samâh, das geht so nicht. Du kannst hier nicht ständig 'schöne rote Apfel' rumschreien. Gibts denn keinen anderen Ort?« Er rief zurück: »Hab ein wenig Geduld, ich bin weg, bevor die Patrouille kommt.« Ich schwieg. Rechts neben dem Laden von Abu Ahmad gabs ein Gedrängel ums Trinkwasser. Die Buben stritten, wer zuerst Wasser abfüllen darf. Ein Junge, der ärmlich und streberhaft aussah, versuchte eine Schlange zu organisieren, damit alle ihr Wasser abfüllen können, bevor die Sperrstunde anbricht. Niemand hörte auf ihn. Umm Muhammad ruft um diese Uhrzeit immer nach ihrem ältesten Sohn Muhammad. Er und seine Geschwister gehen rein, bevor es Nacht wird und die Patrouille einsammelt, wer die festgesetzte Zeit übertreten hat.

Das einzig Neue an diesem Tag ist, dass die Nachbarn Plastikplanen über die Dächer ihrer Wohnung ausgebreitet und sich auf den Winter vorzubereiten begonnen haben. Die Formen der Steine und die Art und Weise, wie sie auf den Dächern der Wohnungen zur Befestigung der Plastikplanen angeordnet sind – in dem ganzen Chaos sind sie das weitaus Organisierteste, das ich von meinem Fenster aus sehen kann. Stein hinter Stein, Block hinter Block – wie ein gerader Strich. Dies inmitten der vielen quer übereinanderliegenen Dinge. Dem Wirrwarr der Strom- und Internetkabel von Haus zu Haus und von Mast zu Mast, der sich gegen den Himmel abhebt.

Jetzt muss ich das Fenster zusperren. Wenn wir die Worte: »Abdecken!« hören, bedeutet es, dass der Besitzer des Internetcafés Wartungsarbeiten durchführt und wir die Fenster zumachen müssen. Sowieso beginnt es dunkel zu werden. Der Strom fällt aus. Danach siehst du nichts mehr. Ein paar Minuten noch. Und alles ist dunkel und ruhig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

fortsetzung folgt...


Das Projekt „Type beyond borders – Ich sehe was, was du nicht siehst“ wird unterstützt durch die Kunststiftung NRW und das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland.