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fördert und realisiert Kunst- und Kulturprojekte weltweit

bridgeworks fördert und realisiert Kunst- und Kulturprojekte weltweit.

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Type beyond borders – Ich sehe was, was du nicht siehst

Ist ein Kennenlernen möglich, ohne das Gegenüber in die sprichwörtliche Schublade zu stecken? Stereotype und Vorurteile sind ja eher die leidliche Regel als der Einzelfall. Denn der Mensch, ob er will oder nicht, teilt seine Welt in Kategorien ein – sei es aus ökonomischen Gründen, Faulheit oder Angst. Eine unvoreingenommene Annäherung ist also gar nicht so einfach – gäbe es da nicht diesen anonymen Begegnungsort, an dem weder Geschlecht, Alter, Aussehen, sozialer Status oder religiöse Zugehörigkeit eine Rolle spielen: das Internet.

Zwei Autor:innen, die nichts voneinander wussten, haben diesen digitalen Raum genutzt, um sich offen und wertfrei kennenzulernen. Aus ihren Fenstern schauend beschrieben sie sich gegenseitig, was sie sahen und nahmen Alltagsszenen, Orte oder Gewohnheiten für die andere Person unter die Lupe. Am selben Tag, zur gleichen Stunde, an weit entfernten Orten begannen sie diesen digitalen Briefwechsel und haben sich für einen Monat ihren Blick auf die Welt geliehen.

Das Projekt fand zwischen dem 6. Oktober und dem 4. November 2020 in Kooperation zwischen bridgeworks e.V. und dem Al Kasaba Theatre and Cinematheque statt.

Projekt- und Künstlerische Leitung: Judith Weißenborn
Übersetzung ins Deutsche: Joël László
Übersetzung ins Arabische: Ahmed Jizawi
Technische Unterstützung: Simon Eifeler und Lars Inderelst
Illustration: Sven Tillmann

Besonderer Dank an: Samer Maklouf (Al Kasaba), sowie Felix Banholzer und Viola Hilbing (bridgeworks e.V.)

6. Oktober 2020 (1. Teil)

Hallo, ich bin hier. Du aber nicht. Du bist nicht hier. Hier bin nur ich. Du bist da. Wo du bist ist nicht hier. Für dich bin ich aber auch nicht hier. Für dich bin ich da. Für dich bist du hier. Aber nur für dich. Nur für dich kannst du hier sein. Für mich bleibst du aber weiterhin da. Da bin ich aber nicht. Ich bin hier und es wäre besser, dass ich mir weniger Gedanken über da mache, sondern mich auf hier konzentriere. hier, wo ich bin, ist es laut. Mittlerweile dunkel. Inzwischen ein bisschen kalt. Ich bin nicht zu Hause.

Zuhause herrscht großes Chaos. Mein eigenes Chaos. Ich bin aber kein chaotischer Mensch. Ich meine, ich trage das Chaos in mir, deswegen brauche ich um mich herum Ordnung. Das habe ich immer gebraucht, und da ich vieles in meinem Leben und meiner Welt nicht in Ordnung bringen konnte, habe ich mich am Ende damit zufrieden gegeben, wenigstens in meiner Wohnung dafür zu sorgen, dass alles seinen Platz hat. Selbst die Regale in meinem Badezimmer sind durchdacht und ich dulde keinen Staub. Ich lege großen Wert darauf, wie die Kissen auf dem Sofa zu liegen haben und mir ist es wichtig, in der Küche kein schmutziges Geschirr liegen zu lassen. Wenn ich koche, was ich allerdings selten tue, soll meine Küche nach dem Kochen gleich so sauber sein, wie vor dem Kochen. In meiner Wohnung hat jedes kleine Ding seinen Platz. Sein Zuhause. Sie können sich in meiner Wohnung bewegen. Die Gläser können sich zum Beispiel zu einem Ausflug auf dem Balkon versammeln. Oder der Teller kann mal mit ins Bett kommen. Am Ende des Tages aber, müssen sie alle wieder in ihr eigenes Zuhause. Selbst der Schlüsselbund hat eine kleine Ecke für sich. Er darf nicht in der Tür stecken bleiben, was er allerdings gerne tut. Ich verliere ständig Dinge unterwegs, aber in meiner Wohnung, muss ich nicht mal nach eine Socke suchen. Denn ich weiß, wo sie zu finden ist. Ich glaube, das tut nicht nur mir gut, sondern auch der Socke.

Habe ich dir schon erzählt, dass ich ständig mit Dingen um mich herum rede. Nein, wann denn auch? Wir kennen uns doch nicht. Und selbst wenn, das wäre mit Sicherheit nichts, das ich dir über mich gleich verrate. Schließlich will ich ja nicht, dass du mich für verrückt hältst.

Egal, was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich gerade nicht bei mir in der Wohnung bin. Weil ich gerade von einer langen Reise zurückgekommen bin und es noch nicht geschafft habe, mich wieder einzurichten. Ich sitze gerade in meiner Lieblingsbar, bei mir um die Ecke. Das Lokal hat drei Räume und zurzeit nicht viele Besucher. Ich schaue nur auf leere Stühle und Sessel. Sie machen aber auch nicht gerade den Eindruck, als wären sie gerne besetzt. Es sind halt andere Zeiten. Und ich glaube, ich muss dir jetzt nicht sagen, was für Zeiten. Denn wo du bist, ist es bestimmt auch nicht anderes. Ich muss aber gestehen, dass ich die Zeit, in der dieser Raum voll war mit Menschen, vor der sozialen Distanz, vor der Maske im Gesicht überhaupt nicht vermisse. Das einzige, was ich an der Zeit vor Corona vermisse, ist mein Vater.

Draußen regnet es.

Sorry, ich glaube, ich muss jetzt nach Hause. Ich muss anfangen die Wohnung in Ordnung zu bringen.

Ich freue mich auf dein Schreiben, dein hier. Ich freue mich auf dich. Danke, dass es dich gibt. Danke, dass du das ganze Chaos in meinem Kopf ausgehalten hast. Ich wünsche dir einen guten Abend und einen ruhigen Schlaf. Bis dann.

»Schnell, bring den zweiten Eimer fürs Wasser, hau den Nagel gut und fest rein, ein Teller Rührei, zieh ihn näher zu dir ran, Muhammad hol deine Brüder und komm rein, hallo, bist du schon weg? In einer halben Stunde beginnt die Sperrstunde, wo bist du nur?«

Alles Stimmen, die zum Fenster zu mir reinkommen, und einzig die Stimme von Umm Kalthum in der Ferne sowie der Geruch des Meeres vermögen dieses Chaos aus meinem Kopf zu vertreiben.

Gewöhnlich stelle ich mich nicht ans Fenster. Nur wenn ich meinen Freunden Antwort gebe, weil sie unten am Fenster stehen und nach mir rufen, damit wir gemeinsam ans Meer gehen. Heute stand ich da, ohne dass jemand nach mir rief. Wegen Corona gehen wir nicht ans Meer. Ich sah, wie Abu Samâh, der Apfelverkäufer, seinen Karren unter meinem Fenster abstellte und mit seiner Arbeit begann. Ich rief ihm zu: »He, Abu Samâh, das geht so nicht. Du kannst hier nicht ständig 'schöne rote Apfel' rumschreien. Gibts denn keinen anderen Ort?« Er rief zurück: »Hab ein wenig Geduld, ich bin weg, bevor die Patrouille kommt.« Ich schwieg. Rechts neben dem Laden von Abu Ahmad gabs ein Gedrängel ums Trinkwasser. Die Buben stritten, wer zuerst Wasser abfüllen darf. Ein Junge, der ärmlich und streberhaft aussah, versuchte eine Schlange zu organisieren, damit alle ihr Wasser abfüllen können, bevor die Sperrstunde anbricht. Niemand hörte auf ihn. Umm Muhammad ruft um diese Uhrzeit immer nach ihrem ältesten Sohn Muhammad. Er und seine Geschwister gehen rein, bevor es Nacht wird und die Patrouille einsammelt, wer die festgesetzte Zeit übertreten hat.

Das einzig Neue an diesem Tag ist, dass die Nachbarn Plastikplanen über die Dächer ihrer Wohnung ausgebreitet und sich auf den Winter vorzubereiten begonnen haben. Die Formen der Steine und die Art und Weise, wie sie auf den Dächern der Wohnungen zur Befestigung der Plastikplanen angeordnet sind – in dem ganzen Chaos sind sie das weitaus Organisierteste, das ich von meinem Fenster aus sehen kann. Stein hinter Stein, Block hinter Block – wie ein gerader Strich. Dies inmitten der vielen quer übereinanderliegenen Dinge. Dem Wirrwarr der Strom- und Internetkabel von Haus zu Haus und von Mast zu Mast, der sich gegen den Himmel abhebt.

Jetzt muss ich das Fenster zusperren. Wenn wir die Worte: »Abdecken!« hören, bedeutet es, dass der Besitzer des Internetcafés Wartungsarbeiten durchführt und wir die Fenster zumachen müssen. Sowieso beginnt es dunkel zu werden. Der Strom fällt aus. Danach siehst du nichts mehr. Ein paar Minuten noch. Und alles ist dunkel und ruhig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8. Oktober 2020 (2.Teil)

Hallo du da,
Heute Morgen kam dein Brief. Ich nahm ihn mit auf den Balkon, wo ich meine Straße und deine Straße gleichzeitig hörte. Ich musste daran denken, dass vor deinem Haus das Leben stattfindet, während vor meiner Wohnung das Leben vorbeigeht.

Hier, wo ich bin, bleibt niemand stehen. Hier sind die Menschen gerne unterwegs.

Genau unter meinem Balkon ist eine Bushaltestelle. Die Leute warten, steigen ein und aus und gehen ihrer Wege. Niemand schaut nach oben. Kein Mensch ruft nach mir. Doch ruhig ist es nicht. Dank der roten Ampel und der vielen Autos. Im Park gegenüber zwitschern die Vögel. Sie sind auch laut, aber sie kommen gegen den Lärm der Straße nicht an.

Ich gehe rein und setzte mich an meinen Schreibtisch, der inzwischen schon aufgeräumt ist. In der Wohnung ist es aber auch nicht weniger laut. Irgendwo muss es eine Schule geben. Ich weiß aber nicht wo genau, denn ich sehe sie aus dem Fenster nicht, ich höre sie nur. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in dieser Schule kein Unterricht stattfindet, sondern der Schultag nur aus einer Art Dauerpause besteht, in dem die Kinder nicht anderes machen als zu schreien. Naja, schreiende Kinder kann die Welt gut gebrauchen. Ich aber gerade nicht. Ich mache das Fenster im Wohnzimmer zu und auch die Tür meines Zimmers und setzte mich wieder an den Schreibtisch. Ich darf das Wasser in der Küche nicht vergessen, das ich gerade zum kochen aufgesetzt habe.

Ich erinnere mich auf einmal an meinen Traum von gestern Nacht.
Ich war irgendwo, in einem fremden Haus, das anscheinend mir gehörte.

Ich erinnere mich aber nur an die Mauern des Hauses mit roten Ziegelsteinen und einer eisernen Eingangstür, die offensichtlich kaputt ist. Ich weiß noch, wie ich mir vornahm, meinem Vater darum zu bitten, sie für mich zu reparieren. Das ist merkwürdig, weil ich mich schon als Kind kaum traute mit meinen Problemen zu ihm zu rennen. Ich habe immer selbst versucht mit der Welt klarzukommen. Doch auf einmal wird mir in meinem Traum bewusst, dass er diese Tür nicht reparieren kann. Nicht mehr.
Verdammt, ich habe das Wasser in der Küche vergessen. Jetzt ist es bestimmt wieder kalt.

Egal. Ich muss jetzt sowieso raus. Am liebsten würde ich zu deinem Fenster laufen. Einen roten Apfel von Abu Samâh kaufen und zu dir hinauf rufen.

Zu dieser Tageszeit erstelle ich eigentlich immer eine Einkaufsliste, die mir irgendwie nett erscheint, weil auch Spielzeuge für meine Kinder darauf stehen. Ich wünschte, ich könnte selbst wieder ein Kind sein und mit ihnen spielen. Vor lauter Freude würden wir uns selbst vergessen. Ich arbeite daran, in naher Zukunft eine eigene Eisenbahnlinie und einen Zug zu bauen, um mit meiner Familie die weiten Strecken zwischen den Städten bummelnd zu überwinden. Ein Traum. Bloß der einfache Traum einer Person, die von einem einfachen Leben träumt.
Das ist nicht wahr. So sehen meine einfachen Träume nur an Tagen wie diesem aus. Tage, wo die Routine tödlich wird. Die trotz aller langweiligen Wiederholungen voller Lärm sind. Und doch betrachte ich jeden einzelnen Tag meines Lebens als ein großes Fest. Weil es eine Anstrengung bedeutet, ihn einzuleiten, ihn zu empfangen und willkommen zu heißen mit seinem ganzen Chaos, seinen Genüssen und seinen anspruchsvollen Seiten, bis du endlich auf deiner Matratze ankommst und einschläfst. – Ich erwache um acht Uhr morgens, weil mir Hassan mit der Hand ins Gesicht schlägt. Hassan ist das Wesen hier im Haus, das seit ungefähr vier Jahren zu meinem Fest dazugehört. Ich liebe den Kerl, trotzdem nervt er manchmal. Zurück zum Schlag. Er will mir damit sagen, dass draußen ein Mann auf mich wartet. Ich schaue ihn an, meine Augen sind voller Schlaf und ich sage, dass er mir erst einen guten Morgen wünschen soll. Er schaut mich voller Verwunderung an, weil er mit meiner Idee nichts anfangen kann. Ich erhebe mich und will ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen, doch Hassan packt mich bei der Hand: »Los jetzt, der Elektriker ist in Eile!«. Ich gehe ungewaschen raus. Nach getaner Arbeit will ich mich noch ein bisschen hinlegen, immerhin ist es noch früh. Da teilt mir mit einem Mal eine Stimme mit: »Zum Glück bist du aufgestanden, los, geh mal ins Bad. Du musst den Wasserhahn reparieren. Er ist leck und flutet alles.« Im Bad beginnt sogleich ein harter Kampf zwischen mir und dem Wasserhahn, der zwei Stunden dauert. Ihm fallen zum Opfer: ein Regal aus Glas, Toilettenpapier, sowie Atef. Atef ist noch so ein kleiner Kerl, drei Jahre älter als Hassan. Er kam rein mit seinem Spielzeug und wollte mir helfen. Jetzt ist seine Kleidung durchnässt und er sieht aus wie ein begossenes Küken. An dieser Stelle kommt mir in den Sinn, dass ich immer noch nicht mein Gesicht gewaschen habe und starte eine spontane Bade-Party. Doch dann kommt von weit her wieder diese Stimme: »Man sollte endlich eine Lösung fürs Ameisenproblem im Haus finden!«
Das ist der Beginn eines neuen Festes, bis ich ungeschickt zu Boden falle und im Augenwinkel eine Ameise sehe, die an mir vorbei spaziert.

Das ist nur die Hälfte meines Tages in Zeiten von Social Distancing. Was wäre nur, wenn ich alles aufschreiben würde?

 

13. Oktober 2020 (3.Teil)

Hallo du da,

danke, dass du mich in deine Welt mitnimmst. Ich weiß allerdings nicht, ob ich mich dort zurechtfinden würde. In meiner Welt wache ich jeden Morgen auf und denke, warum überhaupt? Muss das jetzt sein? Ich meine, so früh? Ich lege mir in der Regel keine Termine vor 10:00 Uhr und habe auch keine anderen Verpflichtungen. Trotzdem wache ich jeden Tag um halb sieben auf. Ich vermeide es, mich morgens im Spiegel anzuschauen, weil ich mich jedes Mal darüber erschrecke, dass ich doch ein Mensch bin und keine Ameise – Ein Mensch mit seinen unendlichen Möglichkeiten des Daseins. Das sind mir viel zu viele Informationen am früheren Morgen. Davor muss ich mindestens eine große Tasse Kaffee getrunken haben, um das verarbeiten zu können.

Manchmal glaube ich, dass ich in meinem früheren Leben als Ameise unterwegs gewesen bin. Jetzt nicht gleich als Ameisenkönigin. Nein. Sondern als eine aus der Arbeiterklasse. Es ist auch gut so. Denn das einzig aufregende im Leben einer Ameisenkönigin ist der sogenannte Hochzeitsflug. Ansonsten liegt sie faul in ihrem königlichen Gemach herum und hat nichts anderes zu tun, als zu gebären. Auf sowas verzichte ich lieber.

Zurzeit arbeite ich mit zwei anderen Autoren an einem Theaterstück. Es handelt von Gesetzten und Gerechtigkeit und ich habe es trotzdem geschafft, dass die Figur der Richterin ständig über Ameisen redet. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich eine geheime Leidenschaft für Ameisen hege oder eine eine Wissenschaft daraus mache. Nein. Ich finde sie einfach bemerkenswert. Ich meine, eine Ameise hat auch nur ein Leben und doch geht es nie um ihre Bedürfnisse allein. Ameisen tragen mehr als das Hundertfache ihres Gewichts, stehen mit ihren sechs Beinen fest auf der Erde und sind niemanden etwas schuldig.

Ach, ich verstehe nicht, warum ich hier wieder über Ameisen schreibe. Ich brauche gleich noch eine große Tasse Kaffee.

Nachdem mich deine Email am Morgen erreichte, schloss ich die Augen, lachte und stellte mir vor, wie eine Stimme mich durchs Fenster ruft. Eine Stimme, die weder der Stimme des Apfelverkäufers Abu Sâmih, noch einem meiner Freunde gleicht. Ich stelle mir vor, dass es deine Stimme ist. Ja, deine.

Rasch überprüfte ich alle meine Fenster. Stehen noch irgendwo Gläser rum? Sind die Regale im Badezimmer sauber und ordentlich? Liegen vielleicht noch Teller auf meinem Bett? Ist das Kissen auch ja am richtigen Platz? Weil ich doch weiß, dass du Unordnung nicht magst?! Rasch gehe ich zurück zum Fenster. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder – und sehe eine Gruppe von Menschen um dich herum. Sie schauen dich an, wie man eine sehr fremde Person anschaut. Du bist von dort und sie sind von hier. Abu Sâmih, der Apfelverkäufer, sagt: »Geht weg, weg da. Das ist ein Gast vom Besitzer dieser Fenster hier!« Ich erkannte das Problem, ging zum Kleiderschrank und zog ein rotes und ein schwarzes Tuch heraus, um dich ins Haus zu schmuggeln. Ich dachte daran, dass ich nicht allein dort wohne und ich fragte mich, wo ich diese fremde Person wohl verstecken könnte? Auf jeden Fall stellte ich mir eine schöne und eigensinnige Person vor, jawohl, eigensinnig, denn es gelang mir, dich davon zu überzeugen, dass du dich unter meinem Bett versteckst. Von dort aus hast du beobachtet, was ich mit dem Rest meines Tages sonst noch so anstelle. Und wurdest Zeuge eines neuen Festes, jawohl, einer Unterrichtsfeier mit Hassan und dem Buchstaben B wie in Batta (Ente), und er wiederholt es, und B wie in Bâb (Tor), und auch das wiederholt er. Ich steckte den Kopf unters Bett und hörte, wie du ebenfalls wie Hassan B wie in Batta (Ente) wiederholst. Ich sagte dir, dass du leiser sein sollst, damit Hassan es nicht hört und allen erzählt. Da rief mich mit einem Mal eine Stimme von weit her: »Du solltest dich beeilen. Du musst Atef noch unterrichten und ein Bild davon machen, damit du es seinem Lehrer via WhatsApp schicken kannst.« Ich steckte den Kopf unter mein Bett, schaute dir ins rechte Auge und sagte mit leiser Stimme: »Das ist eine Stimme, die du nicht kennst?« Dann antworte ich  laut: »Zu Befehl!« Ich kehrte zurück zu deinem rechten Auge, lächelte und bat dich, leise zu sein, so war es doch, nicht? Hassan ging. Ich holte dich unter dem Bett hervor, stellte dich in den Kleiderschrank zwischen meine Hosen, setzte mich neben dich und sagte leise: »Das Beste an dem ganzen Social Distancing ist, dass die Dauerbeschallung aus der Schule aufgehört hat. Ständig ein einziges Geschrei. Die Schule ist direkt neben uns. Ich kann sie durch mein Fenster nicht sehen, doch von morgens bis abends nervt mich der Lärm. Er zwingt mich, im Haus zu bleiben.

Die Zeit verging und die Berührung einer Hand weckte mich auf. »Mit wem redest du da, Papa?« Es ist Hassan, der uns stört. Er will im Supermarkt Süßes kaufen. Ich muss mich jetzt leider entschuldigen. Ich bin froh, dass du ein Teil meines Tages geworden bist. Wie gerne hätte ich dich anders empfangen! Aber du bist einfach so hereingeplatzt. Fürs nächste Mal, teil mir vorher mit, dass du dich zu mir unters Fenster stellst!

16. Oktober 2020 (4.Teil)

Hallo, du da

 

Ich sehe was, was du nichts siehst.

Ich liege unter deinem Bett.

Es ist mir zu eng. Zu dunkel. Zu duster.

Ich frage mich warum. Wie bin ich hier gelandet?

Ich sehe, wie du mit Hassan den Buchstaben B übst. B wie Bab.

Ich wiederhole es.

Ich ergänze B wie Brücke.

B wie Baba.

Du sagst: psst und es wird mir kalt.

Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie ich unter dem Bett herauskrieche. Wie ich mich neben Hassan und dich setze. Wie Hassen mir beibringt, was das Wort Bab in eurer Sprache heißt und was das Wort Brücke bedeutet, dort wo ich lebe. Und was das Wort Baba in meiner Muttersprache heißt. Hassan freut sich über die Brücken und zeigt mit großen Stolz auf dich und sagt Baba. Du lachst. Hassan lacht. Ich lache. Wir lachen. Die Stimme von neben an hört unser Lachen und kommt rein und lacht mit. Auch Atef lacht mit. Später sitzen wir alle zusammen bei euch am Esstisch. Wir frühstücken gemeinsam oder vielleicht ist es schon Mittagessen oder von mir aus Abendessen. Hauptsache wir sitzen alle an einem Tisch und wir finden es schön. Denn wir haben es schön. Ja, so schön stelle ich es mir vor, während ich mit geschlossenen Augen unter deinem Bett liege und mich noch mal fragen muss:

Wie bin ich hier gelandet?

Was wenn Hassan mich hier unten entdeckt und denkt ich wäre ein Monster?

Denn als Kind war ich mir ziemlich sicher, dass große, gemeine Monster unter dem Bett leben.

Ich hatte Angst.

Ich habe Angst.

Ich habe Angst, dass ich dir unrecht tue oder dass ich mir selbst untreu wäre.

 

Kann sein, dass wir uns in der Übersetzung verlieren?

Ich freue mich auf deinen nächsten Brief.

 

Liebe Grüße,

M

Er hat ein Gesicht rund wie der Mond und seine Haut hat die Farbe eines gepflügten Ackers. In seinen Haaren wohnt die Nacht. Seine Stirn ist breit und auf ihr sind zwei Linien, die seine Gefühle übersetzen. Wenn er wütend ist, treten die beiden Linien hervor und wachsen an zu einem hohen Berg. Flachen sie wieder ab zu einer Ebene, fliegen zwitschernd die Vögel über sie hin. Seine Augenbrauen sind den Schwingen eines Adlers gleich; ist er wütend, treffen sie sich, lächelt er, so tanzen sie. Ich kenne ihn einzig wütend oder lächelnd, als ob sich seine Gefühle auf Wut und Freude beschränkten. Weshalb nur?!!

In seinen Augen liegt ein schwarzes Meer, von dem sich jede Welle seiner Gedanken ablesen lässt. Blitzt sein linkes Auge auf, so hörst du, was sein Herz bewegt. Seine Wangen sind wie Hügel. Auf seine linke Wange ist ein dunkelschwarzer Fleck gezeichnet ­– wie ein Rabe hoch am Himmel. Ich habe diesen Raben von ihm geerbt, bei mir jedoch hockt er auf der Brust. Sein Schnurrbart ist wie ein Wald mit Bäumen von seltsamer Farbe und Form, doch strenger Ordnung. In der Mitte dieses Waldes sitzt sein Mund wie ein Fluss, der breit wird beim Lachen. Die Ufer des Flusses aber sind trocken, geprägt von Wassermangel und einem Überfluss an Rauch … es ist mein Vater.

Jeden Morgen tranken wir zusammen Kaffee und ich studierte die Details seines Gesichts. Ich habe sie auswendig gelernt und absichtlich einstudiert. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass ich mich eines Tages verlaufen und den Weg zurück zu ihm nicht mehr finden würde. Ich habe mir seine Gesichtszüge eingeprägt, um sie – wenn die Polizei mich danach fragte – beschreiben und dem Phantombildzeichner darlegen zu können. Damit sie sein Bild veröffentlichen konnten. Weshalb nur veröffentlicht man das Bild der verlorenen Person und nicht das Bild seines Vaters?! Ich weiß es nicht. Diese Gedanken jedoch gingen mir damals durch den Kopf. Ich wusste noch nicht, dass ich mir seine Gesichtszüge einprägte, weil ich Angst davor hatte, sie zu verlieren.

Seit Anfang des Jahres schaue ich morgens nicht mehr in sein Gesicht und wir trinken keinen Kaffee mehr zusammen.

Es geht ihm gut, doch er ist weitergezogen an einen anderen Ort.

19. Oktober 2020 (5.Teil)

Hallo du da,

Gestern bin ich den ganzen Tag zu Hause geblieben und habe über Morgen nachgedacht.
Heute will ich weder an Gestern denken und noch von Morgen etwas wissen.
Heute will ich raus.

***
Ich habe wieder vergessen einen Regenschirm mitzunehmen.
Das habe ich mir gesagt, als ich die Wohnungstür hinter mir schließe.
Das habe ich mir gesagt, als ich die Treppe runterging.
Das habe ich mir gesagt, als ich die Straße überquerte.
Erst als ich im Park angekommen war, wusste ich, dass es zu spät ist.
Zu spät um wieder zurück in die Wohnung zu gehen und den Regenschirm zu holen.
Ich ging weiter.

Den Bäumen macht es nicht aus, dass ich an ihnen vorbeigehe.
Sie tun auch nicht so, als ob sie sich dafür interessieren, woher ich herkomme und wohin ich will.
Sie fragen mich nicht vorsichtshalber, wie lange ich hierbleiben will.
Ob es mir hier wirklich gefällt?
Hier im Regen ohne Regenschirm.

***
Ich frage mich wie lange noch?
Wie lange kann ich den Regen ignorieren und an den Bäumen vorbeigehen ohne zu wissen wohin?
Wohin mit meinen nassen Füßen?
Wohin mit Heute?

***
Mir fällt gerade ein, dass ich überhaupt keinen Regenschirm besitze.
Ich habe noch nie einen zu Hause gehabt und ich glaube nicht, dass ich jemals einen haben werde.
Wozu?
Ich werde ihn sowieso vergessen.
Und am Ende stehe ich wieder nass irgendwo in der Welt und frage mich:
Wie lange noch?

Ich liege auf meinem Bett und lache. Das Bett steht jedoch nicht mehr dort, wo ich dich drunter versteckt hatte. Ich habe es verschoben, nach meiner letzen Email.

Ich besitze tatsächlich keinen Esstisch. Ich bin daran gewöhnt, am Boden zu essen. Als ich noch ein Kind war, versammelten wir uns als Familie um das am Boden angerichtete Essen. Ständig waren überall Hände. Ich und meine Geschwister kämpften darum, wer am meisten vom Essen abbekommt. Es war ein lustiger Wettstreit. Unsere Mutter verteilte die Fleischstücke, damit alle ihren Anteil bekamen, denn der Jüngste von uns war das schwächste Glied. Ohne Mutter wäre er bis heute klein geblieben. Bei unseren Kämpfen, konnte er nicht mithalten. Immer wenn ich zu Mutter oder Vater blickte, sah ich, dass sie nicht aßen! Im Gegenteil, sie fütterten die anderen. Ich dachte, Eltern essen nicht, weil sie schon groß sind.

Wie sehr ich diese Tage vermisse.

Gestern spürte ich, wie etwas über meinen Hals spaziert. Da es eine Ameise war, musste ich an dich denken. Ich dachte, dass es vielleicht eine Ameise aus der Arbeiterklasse ist und dass ich sie deshalb nicht getötet habe. Später habe ich etwas auf Facebook gepostet. Ich fragte: Ist der Tod freier als das Leben? Ich weiß nicht, weshalb mir dieser Gedanke in den Sinn gekommen ist und ich ihn aufgeschrieben habe. Doch als ich entschieden hatte, die Ameise am Leben zu lassen, da fragte ich mich, ob das wirklich besser für sie ist? Dass sie lebt und zurückkehren muss zu Mühsal und Arbeit? Ob der Tod nicht eine Erholung wäre? Dass sie womöglich ein anderes Leben und sich selbst finden könnte?

Geht es uns in diesem Leben besser? Oder in einem anderen?

Ich habe Angst vor Dingen, die ich nicht kenne, und doch ich liebe es, Neues zu entdecken.

Ich warte auf den Tod. Vielleicht tut sich mir dort ja eine neue Chance auf?

Was denkst du dazu?

21. Oktober 2020 (6.Teil)

Hallo du da,

 

ich muss gestehen, dass ich mir vorgenommen hatte, in meinem nächsten Brief an dich etwas munterer zu sein und weniger bedeutungsschwangeres Zeugs zu schreiben.

Und dann fragst du mich in deinem letzten Brief, was ich über den Tod denke?

Ganz ehrlich?

Ich finde ihn scheiße.

Aber so richtig scheiße.

Ich hasse ihn.

Ich hasse ihn für seine bescheuerte Art unangekündigt aufzutauchen.

Für seine böse Lust mir uns zu spielen.

Für seine Unverschämtheit, sich in unserL eben einzumischen.

Und dabei so zu tun, als ob das alles seine Richtigkeit hat und irgendeinen Sinn ergibt.

Blödsinn. Lahme Ausreden, sage ich dir. Einfach Dumm. Doof. Hässlich.

Ich hasse ihn.

Und ich könnte vor Wut platzen, wenn ich mir vorstelle, wie er sich dabei amüsiert, jedes Mal in einem neuen Kostüm oder mit einer frischen Maske die Bühne des Lebens zu betreten.

Es gibt unterschiedliche Arten zu sterben, aber es gibt nur einen Tod und der ist und bleibt immer unfair.

Ich hasse alle Dinge die unfair sind und ich fände es nicht fair von mir, wenn ich mich bemühen würde seine Grausamkeit zu verstehen und anzunehmen. Nein. Das kann ich nicht.

Und warum soll ich das überhaupt?

Ich hatte es nie leicht, aber es ist mit Abstand das Schlimmste, das mir je passiert ist. Er hat es gewagt mir meinen Vater nehmen. Ich werde es ihn bis in alle Ewigkeit übelnehmen und nie verzeihen.

Nicht in diesem Leben aber auch nicht in einem anderen.

Gibt es überhaupt ein anderes Leben? Ein Leben nach dem Tod?

Ich bin im Glauben aufgewachsen, dass es dieses gibt und doch habe ich selbst nie daran geglaubt. Ich war mir sicher, dass wir nur ein einziges Mal leben und enden mit dem Tod. Und danach? Es gibt halt kein Danach. Punkt. Aus.

So dachte ich, als ich noch das Glück hatte den Tod nicht persönlich kennenzulernen.

Jetzt aber, nachdem er sich mir vor ein paar Monaten in alle seiner Hässlichkeit gezeigt hat – Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich erwische mich, wie ich doch heimlich auf ein Leben nach dem Tod hoffe.

Vielleicht weil ich noch nicht akzeptieren kann, dass es meinen Vater nicht mehr gibt.

Vielleicht weil ich noch nicht damit klarkomme, dass ich ihn nie wiedersehen werde.

Vielleicht weil ich irgendwie in mir doch auf einen Wiedersehen hoffe.

Wenn nicht hier, dann bitte bitte da. Und dann? Dann muss ich weinen. Weil ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass er woanders ist. Dass es ihm gut geht. Dass er sich nie wieder um etwas sorgen muss und dass wir uns wieder fest umarmen können und ich wieder seine warme Küsse auf meiner Stirn spüren kann.

 

Ja, so fühle ich mich und so hat sich auch bestimmt der erste Mensch gefühlt, der nicht wusste wohin mit all seinem Schmerz. Vielleicht deswegen hat sie oder er sich die Geschichte mit einem Leben nach dem Tod ausgedacht. Wer weiß?! Wer weißt?!

 

Und jetzt du da. Du bist doch Vater, oder?

Lass dir von mir gesagt sein: Sowohl Mutter als auch Väter dürfen nicht sterben. Nicht bevor sie so richtig alt und nervig geworden sind. Nicht bevor deren Kinder sich darauf vorbereitet haben. Nicht so auf einmal.

 

Behalte bitte deine Neugier auf das Leben oder wie du selber so schön sagst, auf das große Fest. Früher oder später wird der Tod auch dich finden. Aber bis dahin verstecke dich so gut wie möglich vor ihm. Denn er hat keine Gnade. Gar keine.

Ich hasse ihn.

Der Herbst bringt trostloses, finsteres Wetter mit sich, kalt und ohne Regen.

Üblicherweise bin ich zu dieser Zeit des Jahres schlechter Laune.

Ich holte mein Radio heraus und drehte mich durch die Rundfunkstationen auf der Suche nach einer Sendung, die nur in meiner Vorstellung existiert. Kaum hatte ich ein Wort gehört, wechselte ich schon wieder den Sender. Wenn das mal keine schlechte Laune ist.

An einen Herbst vor vielen Jahren habe ich gute Erinnerungen. Ich erzähle dir davon. Es ist die Erinnerung an das erste Paar neuer Schuhe, das Vater mir gekauft hat. Ich war damals zehn Jahre alt. Zuvor hatte ich stets die Schuhe meines Bruders ausgetragen, der zwar jünger, aber größer gewachsen ist als ich. Es waren Schuhe, die ich für einen festlichen Anlass erhielt, den wir jedes Jahr begehen.

Sie waren von schwarzer Farbe, hatten gelbe Schnürsenkel. Die Sohle machte ein lautes und nerviges Geräusch, das die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich zog.

Alle kauften wir zu diesem Anlass neue Kleider, insbesondere neue Schuhe. Die Kinder holten ihr schönstes Paar heraus. Mir drückte der Schuh ein bisschen am Fuß, doch ich wollte ihn unbedingt. Nicht dass ich am Ende noch die Chance verpasste, überhaupt ein neues Paar zu kriegen. Zu Hause streifte ich mir die Schuhe gleich über. Ich putzte mein Zimmer, damit sie unten ja nicht schmutzig wurden. Im Zimmer ging ich auf und ab, damit sie sich ein wenig weiteten. So hatte es der Verkäufer meinem Vater empfohlen (mit dem Gehen werden sie breiter).

Im Zimmer gab es einen Spiegel, in dem ich jedoch nur mein Gesicht sehen konnte. Ich hüpfte, um den Schuh am Fuß sehen zu können. Ich hüpfte ruhig und mit Bedacht, damit er ja keinen Schaden litt. Beim Einschlafen legte ich den Schuh neben mein Kissen.

Ich konnte nicht einschlafen.

Die ganze Nacht wälzte ich mich im Bett und konnte den nächsten Tag kaum erwarten. Noch im Morgengrauen streifte ich mir die Schuhe über. Ich war der erste auf den Straßen. Vorsichtig und ruhig trat ich auf, machte einen Bogen um Pfützen und Sand, bis ich zu einer überfluteten Straße kam. Ich zog die Schuhe aus, nahm sie in die Hand und überquerte die Straße barfuß, um sie nicht zu beschmutzen. Rasch ging ich nach Hause. Ich wusch mir die Füße, damit ich die Schuhe gleich wieder tragen konnte. Ich steckte mir ein kleines Stück Stoff in die Tasche und ging erneut nach draußen. Nach drei Schritten setzte ich mich kurz neben die Straße, um die Schuhe zu polieren, dann ging ich weiter.

Heute kann ich dieses Verhalten auch nicht mehr ganz nachvollziehen!

24. Oktober 2020 (7.Teil)

Hallo du da,  

diese Geschichte schenke ich den Kindern, die wir eins waren.

Es war einmal ein kleines Kind, das wohnte in einem kleinen Haus, aß an einem kleinen Tisch, schlief in einem kleinen Bett und schaute durch ein kleines Fenster auf den kleinen Garten und freute sich über den großen Baum.

Es wollte gerne mit ihm sprechen, aber es traute sich nicht.

Bis eines Tages mit dem großen Wind ein kleines Blatt zu ihm kam.

Das Kind sprach zu ihm: „Liebes Blatt, ich würde so gern wissen, was alles der große Baum von oben sieht. Ja, das ist mein Traum.“

Da flog das Blatt durch den kleinen Garten zum großen Baum und ehe das Kind sich versah, klopfte der Baum mit seinen großen Ästen ans Fenster.

„Komm, ich zeige es dir“, sagte der Baum.

Das Kind zögerte ein wenig, aber es nahm seinen Mut zusammen und stieg auf den ersten Ast und bald auf den zweiten und dritten, bis es am Gipfel des Baumes angelangt war.

„Und?“, fragte der Baum. „Was siehst du?“

„Ich sehe andere Bäume, viele Bäume, Bäume an Flüssen, Bäume im Gebirge, Bäume in Wäldern, Bäume an Straßen und in Städten. Ich sehe, dass sie viel sehen können.“

„Und wünschst du dir auch ein Baum zu sein?

„Nicht mehr“, sagte das Kind.

„Ich wünschte mir der Wind zu sein, der überall hingehen kann, von Baum zu Baum.

Von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch. Der Wind, der Menschen hört und ihre Träume kennt.“

Der Wind hörte, was das Kind sagte und packte es mit einem großen Schwung auf seine breite Schulter und nahm es mit.

Von Baum zu Baum, von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch.

Das Kind freute sich überall zu sein und doch irgendwann vermisste das Kind irgendwo zu sein.

„Soll ich dich zurückbringen?“, fragte der Wind.

„Ja, wäre das schön“, antworte das Kind.

„Willst du doch ein Baum werden?“

„Ich will Wurzeln schlagen. Aber nicht in meinen Wurzeln gefangen sein. Ich glaube, ich will einfach nach Hause.“

Der Wind konnte sich aber an den Weg nach Hause nicht erinnern und so irrten sie eine Weile.

Bis eines Tages, als sich das Kind für einen Ort entschied.

„Das ist aber nicht dein Zuhause“, sagte der Wind, der sich für seine Irrungen und Wirrungen schämte.

„Das kann aber mein (neues) Zuhause werden“, sagte das Kind, das sich für seine Wünsche und Träume freute.

Inzwischen ist das Kind ein großes Kind. Es wohnt in einem großen Haus, isst an einem größeren Tisch, schläft in einem größeren Bett und schaut durch ein größeres Fenster auf den größeren Garten und freut sich über den großen Baum und setzt sich an seinen kleinen Schreibtisch und schreibt alle Geschichten, die es auf seinen Reisen mit dem Wind erlebte.

Jeden Donnerstag schaue ich zurück auf die Hälfte meines Lebens.

Dorthin.

Zum Haus, in dem ich geboren wurde, das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits.

Ja, in diesem Haus war ich das erste Enkelkind. Als ich geboren wurde, pflanzte meine Großmutter für mich drei Bäume, einen Feigenbau, einen Olivenbaum und eine Palme. Ich wurde größer – und mit mir die Bäume; zusammen mit Großmutter empfingen wir die anderen Enkelkinder. Donnerstags stand Großmutter stets früh auf. Nachdem sie sich das Gesicht gewaschen hatte, zog sie mich in aller Ruhe an den Beinen, damit ich auch wach wurde. Ich blickte in ihre blauen Augen mit den zwei verschiedenen Farbtönen – ihr linkes Auge war dunkelblau, ihr rechtes Auge hellblau. Ich fragte mich, was das Geheimnis von Großmutters unermüdlicher Energie war. Hing es mit dem Unterschied im Blau ihrer Augen zusammen? Ich lächelte, küsste ihre Hände, griff nach den Matten aus Schafswolle und legte sie am Boden aus. Gemeinsam frühstückten wir in den ersten Sonnenstrahlen. Brot, Tomaten, ein weich gekochtes Ei, getrocknete Feigen mit Olivenöl. Jeden Morgen ist dies ihre Lieblingsmahlzeit. Sie holte ihren Korb hervor und wir gingen zum Markt. Wir kauften für die Familie und fürs Abendessen ein. Jede Woche traf sich am Donnerstag die ganze Familie mit meinen Onkeln mütterlicherseits und väterlicherseits mitsamt der zwanzig Enkelkinder im alten Haus unter den Bäumen. Großmutter begann sich auf die Gäste vorzubereiten, und auch ich bereitete mich auf meine Art und Weise vor. Aus Eimern, Eisengeschirr, Stöcken und Seilen baute ich ein Schlagzeug zusammen. Wenn alle eingetroffen waren, setzten sich die Erwachsenen zu Großmutter und die Enkelkinder saßen in einer anderen Ecke um mich herum. Dann intonierten wir alle zusammen unseres ganz eigenes Musikstück –Erregung und Lärm nahmen zu, bis schließlich unsere Nachbarn aufgeschreckt wurden und an unsere Tür kamen, um sich zu beschweren. An diesem Punkt löste Großvater das Schlagzeug auf und Großmutter erhob sich, um die Sache gütlich beizulegen. Dann trug sie rasch auf. Wir sollten essen und uns danach hinlegen, damit für die Erwachsenen Platz geschaffen wurde und sie sich abseits unseres Lärms unterhalten konnten. Nach dem Essen richtete Großmutter unser Zimmer her. Sie legte sieben Matratzen nebeneinander. Alle zwanzig Enkelkinder schliefen wir Schulter an Schulter und teilten uns die Decke. Großmutter ging raus, löschte das Licht und es wurde stockfinster. Sobald sie weg war, versammelten wir uns unter der Decke und setzten unsere Gespräche fort. Großmutter schaute stets, dass ich gleich bei der Tür schlief, damit sie mich am Morgen nicht aufschreckte, wenn sie nach mir schaute.

Mir fehlen diese Tage. Mit Sehnsucht denke ich zurück an meine Großmutter und ihr altes Haus.

Sie wiegte mich frühzeitig wieder in den Schlaf… ich erwachte zu früher Stunde… zu Mittag aßen wir um ein Uhr nachmittags… das Nachmittagsschläfchen dann um zwei Uhr… ich aß getrocknete Feigen mit Olivenöl… und ich putzte mir die Zähne mit Zahnseide.

Ich vermisse ihren Geruch.

25. Oktober 2020 (8.Teil)

Hallo du da,

In einem Keller. Irgendwo. In einem Keller, in dem es keine Rattenfallen gibt, weil es dort keine Ratten gibt. In diesem durchschnittlichen Keller steht ein durchschnittliches Sofa, das nicht antik, noch modern, nicht hässlich, aber auch nicht schön genug ist.

Ein belangloses Sofa, das mal meinem Großvater gehörte.

Ob er es schön fand oder bequem, weiß man nicht.

Man weiß auch nicht, ob er überhaupt jemals darauf gesessen hat.

Man weiß nur, dass das Sofa, das in diesem Keller steht, dem Großvater gehörte, der nicht tanzen konnte. Und bevor er mein Großvater wurde, war er ein junger Mann, der meiner Großmutter in die Augen sah und sich in sie verliebte, obwohl er in ihren Augen eigentlich nichts gesehen hatte. Und meine Großmutter, wie man sich erzählt, verliebte sich in ihn, obwohl sie wusste, dass er nicht tanzen kann. Damals war ein solcher Makel eigentlich nicht akzeptabel. Mann hatte nicht viel Verständnis für diejenigen, die nicht tanzen können.

In dieser schwierigen Zeit haben meine Großeltern sich kennengelernt und da eine junge Frau mit einem Mann, der nicht tanzen kann, in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen war, mussten sie sich immer heimlich in diesem Keller treffen und deswegen riecht der Keller nach dem Sperma meines Großvaters.

Später als mein Vater geboren wurde, hat meine Großmutter den Keller verschlossen. Seitdem hat niemand mehr das Sofa des Großvaters gesehen. Aber ich bin mir sicher, dass es dieses Sofa gibt. In einem Keller. Irgendwo.

Angefangen hat es mit einem Zufall… obwohl ich nicht an Zufälle glaube … Ich glaube an das Schicksal und daran, dass alles aus einem bestimmten Grund und nicht einfach so geschieht. Ich fordere von niemandem, dass er dasselbe glaubt wie ich. Jeder nach seiner Façon.

Aber kehren wir zurück an jenen Anfang. Ein Freund sagte mir in den Sommerferien, ich solle doch mit ihm an einem Theater-Kurs teilnehmen, der am nächsten Tag beginne. Wir waren damals siebzehn Jahre alt. Ich erinnere mich an seine Worte, wie wenn es gestern gewesen wäre. Am Schluss war er es, der den Workshop frühzeitig verließ.

Im Jahr 2009 machte ich die ersten Erfahrungen auf der Bühne. 'Junge 2' hieß meine Figur im ersten Theaterstück, in dem ich mitspielte.

Sogleich war ich begeistert vom Theater. An einem nächsten Kurs konnte ich nicht teilnehmen. Die Idee, sobald wie möglich auf die Bühne zurückzukehren, ließ mich jedoch nicht mehr los. Drei Jahre später tat sich eine Möglichkeit auf und ich konnte als Praktikant bei einer neuen Arbeit mitwirken. Immer tiefer tauchte ich ein in diese Welt. Erst vom Workshop zum Praktikum, schließlich überwand ich auch die Praktikums-Stufe und konnte professionell arbeiten. An diesem Punkt wurde mir klar, dass alles kein Zufall gewesen war, sondern dass es mein Schicksal so gewollt hatte.

Zum vorerst letzten Mal stand ich 2019 auf der Bühne in 'Hamlet' von Shakespeare, wo ich gleich zwei Rollen übernahm (den Geist und Claudius), trotzt oder gerade wegen aller damit verbundenen freudigen Erschöpfung und Müdigkeit bei jeder Vorstellung.

Wenn der entscheidende Moment kommt und ich die Reaktionen des Publikums fühle, dann wird mein Glaube an das Schicksal gestärkt.

Seit ich in die Welt des Theaters eingetreten bin, passe ich besser auf, was ich anderen gegenüber sage, und ich ringe mit mir selbst angesichts der Frage, welche Rollen ich auf der Hinterbühne zurücklasse und welche ich mit nach Hause nehmen soll.

Immer wenn ich eine Figur spiele, durchlebe ich ihr Schicksal, und für einen Moment setzt mein eigenes Schicksal aus, so dass ich danach als jemand Neues zu mir selbst zurückkehre.

29. Oktober 2020 (9.Teil)

Hallo du da,

in Park gegenüber meiner Wohnung ist der Herbst zu Besuch und ich frage mich, ob es der

Wind ist, der den Bäumen ihre Blätter nimmt oder der Hauch von seufzenden Menschen.

Bis vor kurzem wurden Entscheidungen gemeinsam im Kreis der Familie getroffen.

Wenn wir uns beispielsweise als Familie dazu entschlossen, auf einen Spaziergang zu gehen, dann versammelten wir uns und schlugen Orte vor, an die wir gerne gingen, und die Auswahl des Ortes wurde getroffen gemäß der größten Anzahl Stimmen für einen Ort.

Aufgrund des Social Distancing sieht zurzeit alles ein wenig anders aus, werden doch unsere Entscheidungen bereits von ganz anderen Dingen kontrolliert als von einem bloßen Spaziergang. Wenn wir zum Beispiel einen Verwandten besuchen oder nur schon auf den Markt gehen wollen, müssen wir uns eigens deswegen bei der Stadt registrieren lassen. Darf man in diesen Tagen überhaupt noch raus?

In der Stadt wurde verkündet, dass man sich am Strand einrichten darf, dass der Strand um sieben Uhr abends jedoch geräumt sein muss. Hier hat die Familie rasch entschieden. Wir hatten keine Zeit zu beraten und einen Ort für einen Spaziergang auszuwählen. Endlich hatte wieder etwas offen! Wir mussten uns in weniger als zehn Minuten bereit machen und so schnell wie möglich los, um vor der Schließzeit wieder zurück zu sein.

Auf dem Weg zum Strand kauften wir ein paar frische Fische, um am Strand zu grillen, obwohl wir eine Angel zum Fischen mitgebracht hatten. Wir fürchteten jedoch, dass die Ausgangssperre beginnen könnte, während wir noch darauf warteten, dass ein Fisch anbeißt.

Wir alle zusammen am Strand – es fühlte sich an, als wären wir alle gleich alt, nicht mehr als acht, ein quietschvergnügter Haufen Kinder.

Was für ein Ausflug! Alles endete damit, dass wir einige Fische auf dem Grill verkohlen ließen, weil wir zu fest mit Ballspielen und Sandburgen beschäftigt waren.

Wir gingen heim und aßen dort weiter und warten auf den nächsten Moment, in dem wir wieder raus dürfen.

4. November 2020 (10.Teil)

Hallo du da,

Ich bin immer noch hier. Du bist weiterhin da.

Und doch ist es uns gelungen im Laufe unseres Briefaustauschs einen Zwischenraum zu generieren, der weder hier noch da ist. Angefangen hat alles mit dem Blick nach außen und doch ziemlich schnell stellte sich heraus, dass sich dieser oft durch unseren Blick nach innen erzählt hat. Während vor unserem Fenster die Welt draußen jeden Tag ein bisschen kleiner und enger wurde, öffneten wir uns gegenseitig vorsichtig die Fenster zu unserer inneren Welt.

Für heute, unseren letzten Brief, wollte ich unbedingt an den Ort zurück, in dem ich meinen ersten Brief an dich geschrieben hatte. Das geht aber leider nicht. Hier sind seit gestern alle Cafés und Bars zu. Gerade sitze ich eingewickelt in Decken auf dem Balkon. Die Straße ist verdächtig leer und leise. Da schreit jemand an die Bushaltestelle da unten die Baustelle an: Nieder mit dem Diktator.  Es ist bitter und doch muss ich lachen, denn dieser jemand sieht nicht so aus, als hatte er jemals unter einem Diktator gelebt. In dieser Stadt sind halt viele Propheten unterwegs. Sie riechen alle nach Asche und sprechen in der Sprache des Feuers. Für sie scheint es keinen Halt zu geben und in ihrer Haltlosigkeit manifestiert sich diese Stadt immer wieder neu.

Vielleicht kennst du das auch aus deiner Stadt. Mir fällt gerade wieder ein, dass ich nicht weiß, wie deine Stadt heißt, ob ich jemals da gewesen bin oder sein werde. Hier aber eine Auflistung für dich von den Städten, in denen ich gelebt und geliebt habe:

Lahijan: Die Stadt, in der ich geboren wurde, ist eine alte Frau, die neben ihrem Samovar

sitzt und ständig zur Tür schaut, mit der Hoffnung, dass jemand zum Tee trinken vorbeikommt. Sie kann nicht viel, aber ihr Tee schmeckt fabelhaft und in ihrer Gesellschaft vergisst man schnell die Zeit, weil sie immer etwas zu erzählen hat. Geschichten von Heldentaten, in denen sie immer die unschlagbare Heldin ist. Sie ist eine gnadenlose Lügnerin. Und nichts kann sie davon abhalten, dich zu verraten. Genau in dem Moment, in dem du dich mit ihr und ihrer Geschichten wohl fühlst, lässt sie dich ins offne Messer laufen. Dann macht sie alles sorgfältig sauber, setzt einen neuen Tee auf und wartet auf den neuen Gast.

Teheran: Die Stadt meiner Jugend, ist eine Frau im besten Alter (Was auch immer das heißen mag). Sie trägt ein rotes, elegantes Kleid, viel zu viel Schmuck und ganz dezente Schminke. Sie raucht kette, lacht viel und redet sehr wenig. Vielleicht weil ihr beim reden immer die Tränen kommen. Sie mag es laut und sie mag es bunt, aber verhält sich sehr zurückhaltend. Nicht, weil sie schüchtern ist. Nein. Das ist sie auf keinen Fall. Sie lässt sich nur gerne Zeit.

Dazu kommt, dass sie einen starken Mundgeruch hat, das merkt man aber erst, wenn man sie auf den Mund küsst. Und ihr Geheimnis, das sie nie preisgeben würde ist, dass sie noch nie in ihrem ganzen langen Leben einen Orgasmus erlebt hat.

Berlin: Die Stadt, in der ich jetzt lebe, ist auch eine alte Frau, aber sie putzt sich zurecht wie eine 13-Jährige, die gerade heimlich die Schminke ihre Mutter ausprobiert hat und schnell das Ganze abwischen wollte. Nun, selbst das ist ihr nicht gut gelungen. Mit Resten von schminke Reste im Gesicht, läuft sie rum und wird nicht müde die Menschen zu einem letzten Tanz auf zu. Niemand hat sie jemals schlafen gesehen und doch sind sich alle einig, dass sie sehr schön tanzen kann, egal wie betrunken und verloren sie ist. Man fühlt sich in ihrer Nähe wohl und geborgen. Sie schweigt aber auch sehr gerne und wechselt sofort das Thema, wenn man sie fragt, woher sie kommt.

Düsseldorf: Die Stadt, in der ich nur drei Jahre gelebt habe, ist eine junge Frau, die glaubt, alles gesehen, alles erlebt zu haben. Sie hält gerne lange Reden, hat aber ein kurzes Gedächtnis. Legt sehr viel Wert auf das Design ihrer Taschen. Sie trägt gerne Schuhe mit hohem Absatz, weil es ihr gefällt, ihre eignen Schritte zu hören während sie läuft. Sie tritt immer sachlich auf. Selbst an der längsten Theke der Welt, bleibt sie nüchtern. Sie kann unheimlich laut sein, wenn sie brüllt und doch bevorzugt sie es, ihre zarte Stimme einzusetzen, während sie dir die brutalsten Dinge einflüstert. Dabei lächelt sie immer so unbeteiligt, dass du dir nie sicher sein kannst, ob sie deine aller beste Freundin ist oder dein aller schlimmster Feind.

Ich denke an alle diese Städte und ich denke an deine Stadt am Meer, an die abgebrannten Fische auf dem Grill, an die Äpfel von Abu Semih, an die Plastikplanen über den Dächern, an das Geheimnis der Augenfarbe deiner Oma, an die Gesichtszüge deines Vaters, an Ameisen, an das Geschrei der Kinder in der Schule, an das Bett, unter dem du mich so frech versteckt hast und ich bis heute nicht verstanden habe, warum. Ich denke an die sieben Matratzen mit 20 Kindern, die darauf liegen und an die Decke schauen. Ich denke an den Sternenhimmel über deiner Stadt, an den Mond, der heute Abend in meiner Stadt kein Gesicht gezeigt hat, an das durchschnittliche Sofa, im durchschnittlichen Keller, an den Wind und das Kind, an das Haus mit den roten Ziegelsteinen und an die kaputte Tür in meinem Traum. An deine ersten Paar neuen Schuhe, die dein Vater dir gekauft hat. An meinem Vater und die Regentage ohne Regenschirm, an leerstehende Stühle.

Ich denke an das alles, während es draußen vor meinen Augen, auf meiner Straße, in meiner Stadt dunkel wird.

Ich wünsch dir, lieb gewonnener Fremde, Du da, alles alles Liebe und Licht.

BIS EINES TAGES

Wie sehr ich Enden doch hasse. Dabei bin ich mir natürlich völlig im Klaren, dass dort, wo ein Anfang ist, auch ein Ende sein muss. Und dass auf das Ende ein neuer Anfang folgt.

Wieder einmal stand ich am Fenster und schaute raus. Nichts hatte sich verändert. Viele Stimmen vermisste ich. Die letzte, die da war, war die Stimme von Abu Samâh. Ich fragte, ob es ihm gut gehe, oder ob ihm so langsam aber sicher die Äpfel ausgingen?

Neu sind nur die feinen Regenschauer. Es sind die ersten Schauer seit langer Zeit. Atef und Hassan sind ganz aus dem Häuschen. Laut schreien sie: Wir wollen unsere Wintermützen anziehen und durch den Regen rennen! Dabei tragen sie noch ihre leichten Sommerkleider. Denn ja, es regnet zwar, die Luft aber ist noch warm!

Mit dem Regen verbreitet sich überall der Geruch nach Feuer und aus den Fenstern der Nachbarhäuser –  und auch aus unserem Haus – dringt der Geruch von Linsensuppe. Das ist so üblich bei uns. Wenn es kalt wird und zu regnen beginnt im Winter, dann wärmen wir uns an ihr. Es scheint, dass die Mütter den Winter kaum erwarten können.

Die vergangenen Tage, als wir einander zu schreiben begonnen haben, waren für mich wie ein Geschenk. In meiner Erinnerung ging ich Jahre und Jahre zurück und zahlreiche Türen öffneten sich, über die ich mit mir selbst ins Gespräch kam.

Unsere Korrespondenz im vergangenen Monat hat mich aus meinem täglichen Trott gerissen. Und eine große Sehnsucht nach dem Morgen geweckt. Ich habe das Notizbuch auf meinem Mobiltelefon gar nicht mehr zugemacht, weil ich alles, das mir begegnete, genau prüfte, ob es nicht vielleicht eine Quelle der Inspiration sein könnte. Ich notierte es so oder so. Wie viele Worte und Gedanken ich so gesammelt habe! Auch meine Fotoalben habe ich zur Hand genommen. Und dabei stets ungeduldig auf Deine Antwort gewartet – Du, der oder die Du dort und nicht hier bist –, damit etwas Neues in meinen Tag dringe.

Unsere Korrespondenz war für mich genau wie Mutters Gutenachtgeschichten als Kind. Bei Deinem Brief Nummer 9 aber fühlte es sich an, wie wenn Mutter wollte, dass ich sofort einschlafe – die Geschichte fiel dermaßen kurz aus!

Tatsächlich bin ich ein sehr neugieriger Mensch, der sich nur schwer gedulden kann. Wie ich es ausgehalten habe, einen ganzen Monat lang nicht zu wissen, wer mir da eigentlich schreibt, ist etwas, das ich im Nachhinein nicht begreife.

Werde ich Dich bald einmal sehen, der oder die Du dort – und nicht hier – bist?

Die Autor*innen

Matin Soofipour Oman (Berlin)

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Ahmed Al Banna (Gaza Stadt)

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Matin Soofipour Omam hat an der Teheraner Universität dramatische Literatur und szenisches Schreiben sowie an der Universität der Künste in Berlin Theaterpädagogik studiert. In den Spielzeiten 2013/14 bis 2015/16 arbeitete sie am Grips Theater und in den Spielzeiten 2016/17 bis 2018/19 am Düsseldorfer Schauspielhaus als Theaterpädagogin und wirkte an unterschiedlichen Inszenierungen als Autorin und Dramaturgin mit. Zurzeit ist Soofipour Omam als freiberufliche Theatermacherin und Dramatikerin tätig und schreibt u.a. an ihrem Buch „Die helle Nächte von Helia“.

Ahmed A. R. Al Banna studierte zunächst Grundschullehramt an der Al Quda Open University und schloss 2016 seinen Bachelor ab. Anschließend machte er eine Ausbildung zum Schauspieler und Regisseur am internationalen Theater „Theatre Day Productions“, mit dem er bis heute eine enge Zusammenarbeit pflegt. Ahmed A. R. AL Banna lebt und arbeitet als Autor, Regisseur und Schauspieler im Gaza Streifen, Palästina.


Das Projekt „Type beyond borders – Ich sehe was, was du nicht siehst“ wird unterstützt durch die Kunststiftung NRW und das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland.