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Type beyond borders – I see something you don't see

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October 8th, 2020

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Nachdem mich deine Email am Morgen erreichte, schloss ich die Augen, lachte und stellte mir vor, wie eine Stimme mich durchs Fenster ruft. Eine Stimme, die weder der Stimme des Apfelverkäufers Abu Sâmih, noch einem meiner Freunde gleicht. Ich stelle mir vor, dass es deine Stimme ist. Ja, deine.

Rasch überprüfte ich alle meine Fenster. Stehen noch irgendwo Gläser rum? Sind die Regale im Badezimmer sauber und ordentlich? Liegen vielleicht noch Teller auf meinem Bett? Ist das Kissen auch ja am richtigen Platz? Weil ich doch weiß, dass du Unordnung nicht magst?! Rasch gehe ich zurück zum Fenster. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder – und sehe eine Gruppe von Menschen um dich herum. Sie schauen dich an, wie man eine sehr fremde Person anschaut. Du bist von dort und sie sind von hier. Abu Sâmih, der Apfelverkäufer, sagt: »Geht weg, weg da. Das ist ein Gast vom Besitzer dieser Fenster hier!« Ich erkannte das Problem, ging zum Kleiderschrank und zog ein rotes und ein schwarzes Tuch heraus, um dich ins Haus zu schmuggeln. Ich dachte daran, dass ich nicht allein dort wohne und ich fragte mich, wo ich diese fremde Person wohl verstecken könnte? Auf jeden Fall stellte ich mir eine schöne und eigensinnige Person vor, jawohl, eigensinnig, denn es gelang mir, dich davon zu überzeugen, dass du dich unter meinem Bett versteckst. Von dort aus hast du beobachtet, was ich mit dem Rest meines Tages sonst noch so anstelle. Und wurdest Zeuge eines neuen Festes, jawohl, einer Unterrichtsfeier mit Hassan und dem Buchstaben B wie in Batta (Ente), und er wiederholt es, und B wie in Bâb (Tor), und auch das wiederholt er. Ich steckte den Kopf unters Bett und hörte, wie du ebenfalls wie Hassan B wie in Batta (Ente) wiederholst. Ich sagte dir, dass du leiser sein sollst, damit Hassan es nicht hört und allen erzählt. Da rief mich mit einem Mal eine Stimme von weit her: »Du solltest dich beeilen. Du musst Atef noch unterrichten und ein Bild davon machen, damit du es seinem Lehrer via WhatsApp schicken kannst.« Ich steckte den Kopf unter mein Bett, schaute dir ins rechte Auge und sagte mit leiser Stimme: »Das ist eine Stimme, die du nicht kennst?« Dann antworte ich  laut: »Zu Befehl!« Ich kehrte zurück zu deinem rechten Auge, lächelte und bat dich, leise zu sein, so war es doch, nicht? Hassan ging. Ich holte dich unter dem Bett hervor, stellte dich in den Kleiderschrank zwischen meine Hosen, setzte mich neben dich und sagte leise: »Das Beste an dem ganzen Social Distancing ist, dass die Dauerbeschallung aus der Schule aufgehört hat. Ständig ein einziges Geschrei. Die Schule ist direkt neben uns. Ich kann sie durch mein Fenster nicht sehen, doch von morgens bis abends nervt mich der Lärm. Er zwingt mich, im Haus zu bleiben.

Die Zeit verging und die Berührung einer Hand weckte mich auf. »Mit wem redest du da, Papa?« Es ist Hassan, der uns stört. Er will im Supermarkt Süßes kaufen. Ich muss mich jetzt leider entschuldigen. Ich bin froh, dass du ein Teil meines Tages geworden bist. Wie gerne hätte ich dich anders empfangen! Aber du bist einfach so hereingeplatzt. Fürs nächste Mal, teil mir vorher mit, dass du dich zu mir unters Fenster stellst!

8. Oktober 2020 (2.Teil)

Hallo du da,
Heute Morgen kam dein Brief. Ich nahm ihn mit auf den Balkon, wo ich meine Straße und deine Straße gleichzeitig hörte. Ich musste daran denken, dass vor deinem Haus das Leben stattfindet, während vor meiner Wohnung das Leben vorbeigeht.

Hier, wo ich bin, bleibt niemand stehen. Hier sind die Menschen gerne unterwegs.

Genau unter meinem Balkon ist eine Bushaltestelle. Die Leute warten, steigen ein und aus und gehen ihrer Wege. Niemand schaut nach oben. Kein Mensch ruft nach mir. Doch ruhig ist es nicht. Dank der roten Ampel und der vielen Autos. Im Park gegenüber zwitschern die Vögel. Sie sind auch laut, aber sie kommen gegen den Lärm der Straße nicht an.

Ich gehe rein und setzte mich an meinen Schreibtisch, der inzwischen schon aufgeräumt ist. In der Wohnung ist es aber auch nicht weniger laut. Irgendwo muss es eine Schule geben. Ich weiß aber nicht wo genau, denn ich sehe sie aus dem Fenster nicht, ich höre sie nur. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in dieser Schule kein Unterricht stattfindet, sondern der Schultag nur aus einer Art Dauerpause besteht, in dem die Kinder nicht anderes machen als zu schreien. Naja, schreiende Kinder kann die Welt gut gebrauchen. Ich aber gerade nicht. Ich mache das Fenster im Wohnzimmer zu und auch die Tür meines Zimmers und setzte mich wieder an den Schreibtisch. Ich darf das Wasser in der Küche nicht vergessen, das ich gerade zum kochen aufgesetzt habe.

Ich erinnere mich auf einmal an meinen Traum von gestern Nacht.
Ich war irgendwo, in einem fremden Haus, das anscheinend mir gehörte.

Ich erinnere mich aber nur an die Mauern des Hauses mit roten Ziegelsteinen und einer eisernen Eingangstür, die offensichtlich kaputt ist. Ich weiß noch, wie ich mir vornahm, meinem Vater darum zu bitten, sie für mich zu reparieren. Das ist merkwürdig, weil ich mich schon als Kind kaum traute mit meinen Problemen zu ihm zu rennen. Ich habe immer selbst versucht mit der Welt klarzukommen. Doch auf einmal wird mir in meinem Traum bewusst, dass er diese Tür nicht reparieren kann. Nicht mehr.
Verdammt, ich habe das Wasser in der Küche vergessen. Jetzt ist es bestimmt wieder kalt.

Egal. Ich muss jetzt sowieso raus. Am liebsten würde ich zu deinem Fenster laufen. Einen roten Apfel von Abu Samâh kaufen und zu dir hinauf rufen.

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October 6th, 2020

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to be continued...

The project "Type beyond borders - I see what you don't see" is supported by the Kunststiftung NRW and the Foreign Office of the Federal Republic of Germany.